Das ist China.
Was ist eigentlich China? Letztens waren wir in einem sehr coolen Club in Xi‘an, dem Salsa-Club. Dort gibt es keine heißen lateinamerikanischen Rythmen sondern die typische Technotanzmusik. Am interessantesten fand ich die Bildchen über den Klotüren. Ich wollte deshalb ein Foto machen und wurde daraufhin freundlich darauf hingewiesen, dass das hier nicht gestattet sei. Warum, fragte ich. Achselzucken. Weil… das China ist und ihr Ausländer seid. Sehr einfach. Aber was ist denn nun China? Langsam bekomme ich ein bißchen ein Gefühl. Leider habe ich ja schon sehr lange nichts mehr geschrieben, deshalb muss ich früh anfangen.
Im Oktober war es für mich vor allem krank sein. Ich kam vom Urlaub (über den ich hoffentlich irgendwann noch schreiben oder erzählen werde) mit einem sehr übel gelaunten Magen zurück, was mich eine Woche flachgelegt hat. Laut erfahrenen Auswanderern ist das aber völlig die Regel, auch die Chinesen selbst plagt hin und wieder ein kleiner Laduzi (wörtlich: drückender Magen) was bedeutet, dass sich der Darmtrakt intervallisch in hochliquider Form entleert. Als ich gerade wieder gesund war und eine verrückte Halloween Party hinter mich gebracht habe (wir haben einige Amerikaner hier), hat mich die Schweinegrippe, nach Johannas Ferndiagnose, schließlich doch noch gekriegt. Ich hatte ihr lange todesmutig ins Gesicht gelacht, während viele Leute der schiere Wahn gepackt hatte. Die allgegenwärtigen Gesichtsmasken wirkten schon bedrohlich und kurzzeitig herrschten geradezu apokalyptische Zustände, als zur Eindämmung der Seuche der Campus abgeriegelt wurde. Eine weise und vorausschauende Maßnahme, die 20.000 Menschen, die hier auf dem Campus leben, mit dem Virus auf engsten Raum zu sperren. Wie immer war der Informationsfluss über die tatsächliche Lage sehr begrenzt ( = nicht existent) aber die Order wurde brav befolgt. So spielten sich am Eingang zur Universität herzzerreißende Szenen ab, wenn Liebespaare, vom Zaun getrennt, wehmütig die Händchen hielten und Freunde und Kommilitonen sich Gegenstände über die Absperrung reichten. Sie nahmen das alle stoisch hin, so sieht ein funktionierendes autoritäres System aus. Leider hatten die Autoritäten die Rechnung ohne uns Ausländer gemacht. Denn das ist China und wir sind , ja, Ausländer und konnten das System, mit ein wenig blöd stellen, herrlich unterwandern und einfach raus spazieren. So ist denn die Maßnahme fehlgeschlagen und die Kontamination fortgeschritten und ich habe es am eigenen Leib zu spüren bekommen. Um die hier herrschende Hysterie in Relation zu setzen ist anzumerken, dass es im Rest der Welt wohl ähnlich zugeht und außerdem vor einigen Jahren der SARS Virus in China furchtbar gewütet hat.
Ich habe aus den Umständen das Beste gemacht, nämlich Filme geguckt. 36 Folgen à 45 Minuten „Heroes“ in einer Woche. Ich ziehe es vor, das nicht auszurechnen, aber es war sehr unterhaltsam.
Nach erneuter Gesundung konnte ich mich dann endlich wieder dem für mich zentralen Thema meines Aufenthalts widmen: Der chinesischen Sprache. Einem mir unbekannten Sprachwissenschaftler zufolge hat diese eine andere Lernkurve als europäische Sprachen. Der schwierigste Schritt ist der erste und mit jedem weiteren Schritt wird es leichter. Das klingt gut, nur ist der erste Schritt nicht gerade einfach. Bis sich das Sprachzentrum einmal an die Töne gewöhnt hat ist es purer Kampf. Ähnlich die Zeichen. Es gibt Muster und einen logischen Aufbau in der Schrift, aber um diese langsam zu erkennen, musste ich erstmal einige hundert Zeichen lernen. Sehr anstrengend, ich glaube es beansprucht irgendwelche neuen Gehirnregionen, die bisher brach lagen. Irgendwann kommt aber der Knackpunkt und dann rattert’s, denn die chinesische Sprache benutzt nur eine sehr begrenzte Zahl Silben und Grundworte, aus denen alles zusammen gebastelt wird. Ein Klempner heißt dann in etwa „Rohrrepariermensch“. Allerdings können die Chinesen andere Silben leider nicht aussprechen und so werden nicht-chinesische Eigennamen transformiert und verunstaltet. Paris heißt „Ba‘Li“, unsere Kanzlerin „Mo‘ka“ und der geliebte Herr Marx „Ma‘ke’si“. Ach ja, und „Ben‘chi“: Mercedes-Benz.
Es gibt dennoch heroische Unerschrockene, die diese Sprache meistern. Da Shan, ein Kanadier, der 1989 nach Peking kam und dessen Chinesisch mittlerweile so gut ist, dass er es im Fernsehen unterrichtet und dadurch den Bekanntheitsstatus eines Popstars erreicht hat. Auch hier an der Uni gibt es einige. Orion zum Beispiel, der seit 6 Jahren hier ist und mittlerweile die eigenen Lehrer korrigiert. Ja, selbst die Chinesischlehrer machen Fehler mit den Zeichen und Tönen. Orion wendet um soweit zu kommen aber radikale Methoden an: Er spricht so gut wie kein Englisch mehr. So kommt es zur skurrilen Situation, dass manchmal Jules, ein anderer Amerikaner, den Übersetzer (chinesisch-englisch) für Orion und mich spielt. Am Beeindruckendsten ist ein anderer Junge. Nach zwei Jahren Sprachkurs an der heimischen Uni und einem Jahr Vollzeitstudium in Xi‘an studiert er nun Psychologie und chinesische Literatur auf chinesisch: Der „legendäre Sage“. Es ist uns allen ein Rätsel wie Sage das geschafft hat, aber es macht Hoffnung.
Das also ist China in sprachlicher Hinsicht.
Es gibt natürlich noch mehr Dinge die eine Kultur ausmachen. Zum Beispiel die Gesellschaft und solche Sachen. Vor kurzem war dazu ein interessanter Artikel in der Taz.
http://www.taz.de/nc/1/politik/asien/artikel/1/zwei-revolutionen
Der Autor erzählt darin, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter in China sehr fortgeschritten ist. Das ist auch mein Eindruck, obwohl es auch noch patriarchalische Überbleibsel gibt. Das ist aber auch nicht so verwunderlich mit dem konfuzianistischen Background, der in jeder Beziehung alt über jung und Männlein über Weiblein stellt.
So gibt es heute noch für jede Verwandtschaftsbeziehung eine eigene Bezeichnung, die zwischen männlich und weiblich, jünger und älter unterscheidet. Das ist teilweise echt lustig, beispielsweise ist der „Biaojiefu“ der Ehemann der Tochter der Schwester des Vaters oder des Bruders der Mutter. Kinder des Bruders des Vaters werden als Geschwister bezeichnet, während Kinder der Schwester der Mutter als Cousin, also weniger eng verwandt gelten. Eine gewöhnliche chinesische Familie schließlich hat 5 Familienmitglieder. Vater, Mutter, Kind und Eltern des Vaters. Die Eltern der Mutter gehören nicht zum engen Kreis. Jungs/Männer sind demnach tendenziell bevorzugt. Das ist bekanntlich in vielen Kulturkreisen so oder war es zumindest in der Vergangenheit, aber hier entsteht durch die Ein-Kind-Politik eine besondere Situation. China hat aufgrund dessen die vielleicht liberalsten Abtreibungsgesetze weltweit und davon wird eifrig Gebrauch gemacht. Allerdings muss mer sagen, dass ein ungewolltes Kind hier ungleich ungewollter ist als in Deutschland, es bedeutet, dass zumindest ein Elternteil kein weiteres Kind mehr haben kann.
Gerade im familiären Bereich sind die Verhältnisse oft noch klar geregelt, ich habe beispielsweise Hochzeitsfeste gesehen bei denen die Gesellschaft samt Brautpaar nach Geschlechtern getrennt am Tisch sitzt. Die junge Generation befreit sich aber daraus und im Alltag ist es ungefähr wie in Deutschland. Frauen arbeiten, sind genauso vorlaut wie die Jungs und ziehen an, was sie wollen. Das bedeutet vor allem äußerst freizügig, wie in allen Gesellschaften, die dem westlichen Kulturimperialsmus vornehmlich durch Hollywood und MTV ausgesetzt sind.
Auch der chinesische Alltag unterscheidet sich ein wenig von meinen Gewohnheiten. Die Chinesen sind ein Volk von Frühaufstehern. Echten Frühaufstehern. Eine chinesische Freundin hat mit letztens erzählt, sie habe ein schlechtes Gewissen weil sie immer so spät aufsteht. Sie hat nämlich vormittags keine Vorlesungen und deshalb keinen Druck. Mir kam das Problem irgendwoher bekannt vor. Allerdings steht sie trotzdem morgens um 8 auf… das wäre für mich in ihrer Situation eher ein Fernziel.
Wer so viel arbeiten muss wie die Leute hier muss aber auch früh aufstehen. In einem Restaurant, in dem wir regelmäßig essen gehen wimmelt es nur so von Angestellten, die allerdings größtenteils nur rumstehen, weil es eben viel zu viele sind. Wir haben uns schlau gemacht und nachgehakt. Dort arbeiten 40 Leute im Service und 20 Leute in der Küche, allesamt 7 Tage die Woche jeweils von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Es wäre möglich, sie in zwei Schichten arbeiten zu lassen, sie würden mit der Arbeit problemlos fertig werden. Die Leute hier sind aber zum einen einfach gewohnt, dass Schule oder Beruf das ganze Leben ausfüllen und kaum Zeit für Freizeit bleibt. Zum anderen sind sie oft traditionsverhaftet, es fehlt ein wenig der Revoluzzergeist und der Willen zur Veränderung.
Lisa, die hier zweieinhalb Jahre Englisch unterrichtet hat, hat mir dazu eine lustige Anekdote erzählt. Sie hat am Anfang versucht dem Kollegium neuere pädagogische Erkenntnisse schmackhaft zu machen, hat dort aber auf Granit gebissen. „ Das haben wir schon immer so gemacht“, war die allgemeine Begründung. Als sie ihre Methoden dann im eigenen Unterricht anwandte, kassierte sie eine Rüge. Ihre Argumente zur Verteidigung waren erfolglos. Bis auf eines. „Das habe ich schon immer so gemacht“. Dem war die Kritik nicht gewachsen.
Bei all den Dingen muss aber gesagt werden, dass die Leute hier einfach anders drauf sind wie wir. Beispielsweise der romantische Rückzug in die Einsamkeit, dieses Zeit-für-sich-brauchen ist den Leuten hier fremd. Das Leben spielt sich auf der Straße ab, wirklich fremd gibt es nicht, es wird fröhlich parliert und getrascht mit allen Leuten nach allen Seiten. Ein Einzelkind hockt hier nicht zu hause, es hüpft auf der Straße herum und spielt mit anderen. Und bei der Arbeit herrscht oft kein Effizienzdruck, die Leute dürfen auch einfach dastehen und nix tun. Gestern war ich mit Flavio durch die Stadt bummeln und ein paar Sachen einkaufen. Im Laden kommen die Verkäufer gleich angelaufen und dann wird erstmal mit dem ganzen Laden gescherzt, ein paar andere Kunden kommen noch dazu, als ob wir uns alle schon immer gekannt hätten, alle sehr herzlich und super gut drauf. Sehr lustig und schön. Das sind so Dinge die bei uns manchmal fehlen, diese Unverstelltheit und das Gemeinschaftsgefühl.
Es gibt auch viele Leute, die sich so ihre Gedanken machen. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken es gäbe hier keine Kreativität und Kritik. Die kreative Szene in Beijing und Shanghai kocht, und gerade die gesellschaftlichen Baustellen werden im Privaten genauso wie öffentlich von einem intellektuellen Milieu überdacht und kritisiert. Das wird, so weit ich sehen kann, auch von der Partei gehört und toleriert. Wo es mehr ins Politische driftet, sinkt aber, wie wir wissen, leider die Toleranzgrenze.
Während die Chinesen hier alle die verrückten und lustigen Sachen machen, hat sich bei mir ein gewisser Alltagstrott eingeschlichen.
Ich habe mittlerweile, seit mein Chinesisch etwas besser geworden ist auch mehr Kontakt zu den Kindern hier. Letztens habe ich zwei Mädels kennen gelernt die in Xi‘an Musik studieren, die eine Klavier und die andere Gesang. So konnte ich hier an der Musikuni a bissle Klavierspielen und am Montag war ich sogar in einem Klavierkonzert. Beiduofen, Belamesi – Beethoven Brahms und Scriabin, sehr cool. Und gestern war bin ich auf der großen Weihnachts-/Neujahrsfeier unsere Schule aufgetreten. Als Tänzer. Das ist in die Annalen dieser Universität eingegangen. Wenn ihr euch das Lied angucken möchtet, sucht auf Youtube nach „S.H.E. Zhongguohua“. Das Video fängt mit einem Shaolinmönch an, der im Wald rumhüpft.
Wald hatten wir leider keinen, aber rumgehüpft sind wir dafür umso mehr. Da sowohl die Sängerinnen als auch meine Tanzgruppe völlig aus dem Takt war, ging es mehr um den Spaßfaktor. Immerhin wurde ich nach der Veranstaltung von einer chinesischen Headhunterin für noch eine Feier angeworben. Allerdings als Sänger. Was das wohl über meine Tanzkünste aussagt? Es war trotzdem ein Heidenspaß, der Saal war voll und hat bei jeder Aufführung gekocht und gebrodelt, es war echt witzig. Während sich vorne auf der die chinesischen und auswärtigen Kommilitonen gemeinsam zum Affen machen, johlt das Publikum schwenkt Leuchtstäbchen und klatscht und stampft. Als Mathieu, unser französischer Charmeur mit einem chinesischen Mädel ein romantisches Duett gesungen hat, ist sogar ein Mädel auf die Bühne gerannt und hat ihm einen Kuss auf die Backe gedrückt. Mein persönliches Highlight war aber als Ben, als amerikanischer Romeo im weißgoldenen Elvis Glitzerkostüm über die Bühne hüpfte und Shakespeare ins Mikrofon schmachtete. Anfangs wollte die Theatergruppe noch einige Stellen auf Englisch vortragen. Sie haben es deshalb vom Chinesischen ins Englische rückübersetzt, es hätte dann in etwa geheißen: „Sein ist eine Frage, Nicht Sein ist hier auch eine Frage“. Das haben sie dann aber leider doch gelassen. Sehr, sehr witzig.
Heute nachmittag kommen die wilden Jungs in Xi‘an an. Xi‘an hat eine vollständig erhaltene, riesig große Stadtmauer mit Graben drumrum, das wird aber wenig helfen… Ich bin mal gespannt was alles passieren wird
Dann ist allerdings auch der Studienalltag erstmal vorbei und das Reisen geht los… ein wenig schade weil ich Xi‘an und die Leute hier echt lieb gewonnen habe, ich freu mich aber trotzdem wie sau auf die Zeit die vor mir liegt.
Ich wünsche euch allen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest… ich bekomme davon hier leider nicht so viel mit, ist halt kein christlich geprägtes Land. Aber wir werden das beste draus machen!
Viele liebe Grüße
Christian


