Das ist China

Das ist China.

Was ist eigentlich China? Letztens waren wir in einem sehr coolen Club in Xi‘an, dem Salsa-Club. Dort gibt es keine heißen lateinamerikanischen Rythmen sondern die typische Technotanzmusik. Am interessantesten fand ich die Bildchen über den Klotüren. Ich wollte deshalb ein Foto machen und wurde daraufhin freundlich darauf hingewiesen, dass das hier nicht gestattet sei. Warum, fragte ich. Achselzucken. Weil… das China ist und ihr Ausländer seid. Sehr einfach. Aber was ist denn nun China? Langsam bekomme ich ein bißchen ein Gefühl. Leider habe ich ja schon sehr lange nichts mehr geschrieben, deshalb muss ich früh anfangen.
Im Oktober war es für mich vor allem krank sein. Ich kam vom Urlaub (über den ich hoffentlich irgendwann noch schreiben oder erzählen werde) mit einem sehr übel gelaunten Magen zurück, was mich eine Woche flachgelegt hat. Laut erfahrenen Auswanderern ist das aber völlig die Regel, auch die Chinesen selbst plagt hin und wieder ein kleiner Laduzi (wörtlich: drückender Magen) was bedeutet, dass sich der Darmtrakt intervallisch in hochliquider Form entleert. Als ich gerade wieder gesund war und eine verrückte Halloween Party hinter mich gebracht habe (wir haben einige Amerikaner hier), hat mich die Schweinegrippe, nach Johannas Ferndiagnose, schließlich doch noch gekriegt. Ich hatte ihr lange todesmutig ins Gesicht gelacht, während viele Leute der schiere Wahn gepackt hatte. Die allgegenwärtigen Gesichtsmasken wirkten schon bedrohlich und kurzzeitig herrschten geradezu apokalyptische Zustände, als zur Eindämmung der Seuche der Campus abgeriegelt wurde. Eine weise und vorausschauende Maßnahme, die 20.000 Menschen, die hier auf dem Campus leben, mit dem Virus auf engsten Raum zu sperren. Wie immer war der Informationsfluss über die tatsächliche Lage sehr begrenzt ( = nicht existent) aber die Order wurde brav befolgt. So spielten sich am Eingang zur Universität herzzerreißende Szenen ab, wenn Liebespaare, vom Zaun getrennt, wehmütig die Händchen hielten und Freunde und Kommilitonen sich Gegenstände über die Absperrung reichten. Sie nahmen das alle stoisch hin, so sieht ein funktionierendes autoritäres System aus. Leider hatten die Autoritäten die Rechnung ohne uns Ausländer gemacht. Denn das ist China und wir sind , ja, Ausländer und konnten das System, mit ein wenig blöd stellen, herrlich unterwandern und einfach raus spazieren. So ist denn die Maßnahme fehlgeschlagen und die Kontamination fortgeschritten und ich habe es am eigenen Leib zu spüren bekommen. Um die hier herrschende Hysterie in Relation zu setzen ist anzumerken, dass es im Rest der Welt wohl ähnlich zugeht und außerdem vor einigen Jahren der SARS Virus in China furchtbar gewütet hat.
Ich habe aus den Umständen das Beste gemacht, nämlich Filme geguckt. 36 Folgen à 45 Minuten „Heroes“ in einer Woche. Ich ziehe es vor, das nicht auszurechnen, aber es war sehr unterhaltsam.
Nach erneuter Gesundung konnte ich mich dann endlich wieder dem für mich zentralen Thema meines Aufenthalts widmen: Der chinesischen Sprache. Einem mir unbekannten Sprachwissenschaftler zufolge hat diese eine andere Lernkurve als europäische Sprachen. Der schwierigste Schritt ist der erste und mit jedem weiteren Schritt wird es leichter. Das klingt gut, nur ist der erste Schritt nicht gerade einfach. Bis sich das Sprachzentrum einmal an die Töne gewöhnt hat ist es purer Kampf. Ähnlich die Zeichen. Es gibt Muster und einen logischen Aufbau in der Schrift, aber um diese langsam zu erkennen, musste ich erstmal einige hundert Zeichen lernen. Sehr anstrengend, ich glaube es beansprucht irgendwelche neuen Gehirnregionen, die bisher brach lagen. Irgendwann kommt aber der Knackpunkt und dann rattert’s, denn die chinesische Sprache benutzt nur eine sehr begrenzte Zahl Silben und Grundworte, aus denen alles zusammen gebastelt wird. Ein Klempner heißt dann in etwa „Rohrrepariermensch“. Allerdings können die Chinesen andere Silben leider nicht aussprechen und so werden nicht-chinesische Eigennamen transformiert und verunstaltet. Paris heißt „Ba‘Li“, unsere Kanzlerin „Mo‘ka“ und der geliebte Herr Marx „Ma‘ke’si“. Ach ja, und „Ben‘chi“: Mercedes-Benz.
Es gibt dennoch heroische Unerschrockene, die diese Sprache meistern. Da Shan, ein Kanadier, der 1989 nach Peking kam und dessen Chinesisch mittlerweile so gut ist, dass er es im Fernsehen unterrichtet und dadurch den Bekanntheitsstatus eines Popstars erreicht hat. Auch hier an der Uni gibt es einige. Orion zum Beispiel, der seit 6 Jahren hier ist und mittlerweile die eigenen Lehrer korrigiert. Ja, selbst die Chinesischlehrer machen Fehler mit den Zeichen und Tönen. Orion wendet um soweit zu kommen aber radikale Methoden an: Er spricht so gut wie kein Englisch mehr. So kommt es zur skurrilen Situation, dass manchmal Jules, ein anderer Amerikaner, den Übersetzer (chinesisch-englisch) für Orion und mich spielt. Am Beeindruckendsten ist ein anderer Junge. Nach zwei Jahren Sprachkurs an der heimischen Uni und einem Jahr Vollzeitstudium in Xi‘an studiert er nun Psychologie und chinesische Literatur auf chinesisch: Der „legendäre Sage“. Es ist uns allen ein Rätsel wie Sage das geschafft hat, aber es macht Hoffnung.
Das also ist China in sprachlicher Hinsicht.
Es gibt natürlich noch mehr Dinge die eine Kultur ausmachen. Zum Beispiel die Gesellschaft und solche Sachen. Vor kurzem war dazu ein interessanter Artikel in der Taz.
http://www.taz.de/nc/1/politik/asien/artikel/1/zwei-revolutionen
Der Autor erzählt darin, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter in China sehr fortgeschritten ist. Das ist auch mein Eindruck, obwohl es auch noch patriarchalische Überbleibsel gibt. Das ist aber auch nicht so verwunderlich mit dem konfuzianistischen Background, der in jeder Beziehung alt über jung und Männlein über Weiblein stellt.
So gibt es heute noch für jede Verwandtschaftsbeziehung eine eigene Bezeichnung, die zwischen männlich und weiblich, jünger und älter unterscheidet. Das ist teilweise echt lustig, beispielsweise ist der „Biaojiefu“ der Ehemann der Tochter der Schwester des Vaters oder des Bruders der Mutter. Kinder des Bruders des Vaters werden als Geschwister bezeichnet, während Kinder der Schwester der Mutter als Cousin, also weniger eng verwandt gelten. Eine gewöhnliche chinesische Familie schließlich hat 5 Familienmitglieder. Vater, Mutter, Kind und Eltern des Vaters. Die Eltern der Mutter gehören nicht zum engen Kreis. Jungs/Männer sind demnach tendenziell bevorzugt. Das ist bekanntlich in vielen Kulturkreisen so oder war es zumindest in der Vergangenheit, aber hier entsteht durch die Ein-Kind-Politik eine besondere Situation. China hat aufgrund dessen die vielleicht liberalsten Abtreibungsgesetze weltweit und davon wird eifrig Gebrauch gemacht. Allerdings muss mer sagen, dass ein ungewolltes Kind hier ungleich ungewollter ist als in Deutschland, es bedeutet, dass zumindest ein Elternteil kein weiteres Kind mehr haben kann.
Gerade im familiären Bereich sind die Verhältnisse oft noch klar geregelt, ich habe beispielsweise Hochzeitsfeste gesehen bei denen die Gesellschaft samt Brautpaar nach Geschlechtern getrennt am Tisch sitzt. Die junge Generation befreit sich aber daraus und im Alltag ist es ungefähr wie in Deutschland. Frauen arbeiten, sind genauso vorlaut wie die Jungs und ziehen an, was sie wollen. Das bedeutet vor allem äußerst freizügig, wie in allen Gesellschaften, die dem westlichen Kulturimperialsmus vornehmlich durch Hollywood und MTV ausgesetzt sind.
Auch der chinesische Alltag unterscheidet sich ein wenig von meinen Gewohnheiten. Die Chinesen sind ein Volk von Frühaufstehern. Echten Frühaufstehern. Eine chinesische Freundin hat mit letztens erzählt, sie habe ein schlechtes Gewissen weil sie immer so spät aufsteht. Sie hat nämlich vormittags keine Vorlesungen und deshalb keinen Druck. Mir kam das Problem irgendwoher bekannt vor. Allerdings steht sie trotzdem morgens um 8 auf… das wäre für mich in ihrer Situation eher ein Fernziel.
Wer so viel arbeiten muss wie die Leute hier muss aber auch früh aufstehen. In einem Restaurant, in dem wir regelmäßig essen gehen wimmelt es nur so von Angestellten, die allerdings größtenteils nur rumstehen, weil es eben viel zu viele sind. Wir haben uns schlau gemacht und nachgehakt. Dort arbeiten 40 Leute im Service und 20 Leute in der Küche, allesamt 7 Tage die Woche jeweils von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Es wäre möglich, sie in zwei Schichten arbeiten zu lassen, sie würden mit der Arbeit problemlos fertig werden. Die Leute hier sind aber zum einen einfach gewohnt, dass Schule oder Beruf das ganze Leben ausfüllen und kaum Zeit für Freizeit bleibt. Zum anderen sind sie oft traditionsverhaftet, es fehlt ein wenig der Revoluzzergeist und der Willen zur Veränderung.
Lisa, die hier zweieinhalb Jahre Englisch unterrichtet hat, hat mir dazu eine lustige Anekdote erzählt. Sie hat am Anfang versucht dem Kollegium neuere pädagogische Erkenntnisse schmackhaft zu machen, hat dort aber auf Granit gebissen. „ Das haben wir schon immer so gemacht“, war die allgemeine Begründung. Als sie ihre Methoden dann im eigenen Unterricht anwandte, kassierte sie eine Rüge. Ihre Argumente zur Verteidigung waren erfolglos. Bis auf eines. „Das habe ich schon immer so gemacht“. Dem war die Kritik nicht gewachsen.
Bei all den Dingen muss aber gesagt werden, dass die Leute hier einfach anders drauf sind wie wir. Beispielsweise der romantische Rückzug in die Einsamkeit, dieses Zeit-für-sich-brauchen ist den Leuten hier fremd. Das Leben spielt sich auf der Straße ab, wirklich fremd gibt es nicht, es wird fröhlich parliert und getrascht mit allen Leuten nach allen Seiten. Ein Einzelkind hockt hier nicht zu hause, es hüpft auf der Straße herum und spielt mit anderen. Und bei der Arbeit herrscht oft kein Effizienzdruck, die Leute dürfen auch einfach dastehen und nix tun. Gestern war ich mit Flavio durch die Stadt bummeln und ein paar Sachen einkaufen. Im Laden kommen die Verkäufer gleich angelaufen und dann wird erstmal mit dem ganzen Laden gescherzt, ein paar andere Kunden kommen noch dazu, als ob wir uns alle schon immer gekannt hätten, alle sehr herzlich und super gut drauf. Sehr lustig und schön. Das sind so Dinge die bei uns manchmal fehlen, diese Unverstelltheit und das Gemeinschaftsgefühl.
Es gibt auch viele Leute, die sich so ihre Gedanken machen. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken es gäbe hier keine Kreativität und Kritik. Die kreative Szene in Beijing und Shanghai kocht, und gerade die gesellschaftlichen Baustellen werden im Privaten genauso wie öffentlich von einem intellektuellen Milieu überdacht und kritisiert. Das wird, so weit ich sehen kann, auch von der Partei gehört und toleriert. Wo es mehr ins Politische driftet, sinkt aber, wie wir wissen, leider die Toleranzgrenze.
Während die Chinesen hier alle die verrückten und lustigen Sachen machen, hat sich bei mir ein gewisser Alltagstrott eingeschlichen.
Ich habe mittlerweile, seit mein Chinesisch etwas besser geworden ist auch mehr Kontakt zu den Kindern hier. Letztens habe ich zwei Mädels kennen gelernt die in Xi‘an Musik studieren, die eine Klavier und die andere Gesang. So konnte ich hier an der Musikuni a bissle Klavierspielen und am Montag war ich sogar in einem Klavierkonzert. Beiduofen, Belamesi – Beethoven Brahms und Scriabin, sehr cool. Und gestern war bin ich auf der großen Weihnachts-/Neujahrsfeier unsere Schule aufgetreten. Als Tänzer. Das ist in die Annalen dieser Universität eingegangen. Wenn ihr euch das Lied angucken möchtet, sucht auf Youtube nach „S.H.E. Zhongguohua“. Das Video fängt mit einem Shaolinmönch an, der im Wald rumhüpft.
Wald hatten wir leider keinen, aber rumgehüpft sind wir dafür umso mehr. Da sowohl die Sängerinnen als auch meine Tanzgruppe völlig aus dem Takt war, ging es mehr um den Spaßfaktor. Immerhin wurde ich nach der Veranstaltung von einer chinesischen Headhunterin für noch eine Feier angeworben. Allerdings als Sänger. Was das wohl über meine Tanzkünste aussagt? Es war trotzdem ein Heidenspaß, der Saal war voll und hat bei jeder Aufführung gekocht und gebrodelt, es war echt witzig. Während sich vorne auf der die chinesischen und auswärtigen Kommilitonen gemeinsam zum Affen machen, johlt das Publikum schwenkt Leuchtstäbchen und klatscht und stampft. Als Mathieu, unser französischer Charmeur mit einem chinesischen Mädel ein romantisches Duett gesungen hat, ist sogar ein Mädel auf die Bühne gerannt und hat ihm einen Kuss auf die Backe gedrückt. Mein persönliches Highlight war aber als Ben, als amerikanischer Romeo im weißgoldenen Elvis Glitzerkostüm über die Bühne hüpfte und Shakespeare ins Mikrofon schmachtete. Anfangs wollte die Theatergruppe noch einige Stellen auf Englisch vortragen. Sie haben es deshalb vom Chinesischen ins Englische rückübersetzt, es hätte dann in etwa geheißen: „Sein ist eine Frage, Nicht Sein ist hier auch eine Frage“. Das haben sie dann aber leider doch gelassen. Sehr, sehr witzig.
Heute nachmittag kommen die wilden Jungs in Xi‘an an. Xi‘an hat eine vollständig erhaltene, riesig große Stadtmauer mit Graben drumrum, das wird aber wenig helfen… Ich bin mal gespannt was alles passieren wird :) Dann ist allerdings auch der Studienalltag erstmal vorbei und das Reisen geht los… ein wenig schade weil ich Xi‘an und die Leute hier echt lieb gewonnen habe, ich freu mich aber trotzdem wie sau auf die Zeit die vor mir liegt.
Ich wünsche euch allen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest… ich bekomme davon hier leider nicht so viel mit, ist halt kein christlich geprägtes Land. Aber wir werden das beste draus machen!
Viele liebe Grüße
Christian

Ferien

Hallo liebe Leute,

die Volksrepublik China wird am 1. Oktober 60 Jahre alt, und weil 60 hier eine Glückszahl ist und wichtiger als 50, haben wir große lange Ferien. Ich werde mich nachher in die Provinz Hunan aufmachen, die Heimatprovinz Maos. Es gibt dort einen grandiosen Nationalpark, in dem ich drei Tage über meinen Geburtstag sein werde. Deshalb bin wahrscheinlich nicht zu erreichen. vielleicht finde ich dort in der Stadt aber ein Internetcafe, dann mach ich eine Telefonrunde nach Deutschland.
Wer Bilder vom Nationalpark sehen will: „Wulingyuan“ bei Google eingeben… der Wahnsinn!
Ich muss jetzt auch gleich los, muss noch ein paar Dinge erledigen.
Viele Grüße in die Schwarz Gelbe Heimat… (wo ist denn da das Rot geblieben?)
Christian

Solche Sachen

Hallo liebe Leute,

hier kommt mein Blogeintrag zum Thema „Politik“ und solche Sachen, ist ziemlich lang geworden. Bevor ich dazu komme, muss ich aber noch was zum Thema Essen nachtragen. Wer jemals der Meinung war, Stinkekäse stinkt, ist herzlich eingeladen hierher zu kommen und seine Meinung zu revidieren. Die Chinesen haben ein ungeheuer raffiniertes Mittel erfunden, sich selbst von „Naigschmeckte“ (Zugezogenen) zu unterscheiden: „Jiaodoufu“, Gärtofu. Gerüchten zufolge konnte noch nie ein Nichtchinese diese ausgesuchte Spezialität auf natürlichem Weg bis in den Verdauungstrakt befördern. Irgendwo in der Nähe der Uni wird dieser Jiaodoufu hergestellt oder verkauft, ich hab selten etwas so unangenehmes gerochen. Da ess ich lieber Hund und Affe. Oder was von den vielen Straßengrills. Die haben einen Haufen unterschiedliches frisches Fleisch und Gemüse auf Spießen daliegen, davon sucht man sich was aus und kriegt es direkt gegrillt, wahlweise am Spieß oder im Fladenbrot serviert. Heißa.
So jetzt komm ich aber zum Thema Politik. Gestern hatte ich dazu nochmal ein interessantes Gespräch mit zwei Amerikanern, einer von ihnen lebt schon lange hier und hat eine chinesische Freundin, das war sehr aufschlussreich. Genauso interessant war aber, wie die beiden über ihr Heimatland hergezogen haben. Beide sind vollkommen frustriert. Wie beispielsweise das US-Militär im Irak von einer Firma Dick Cheneys (Vizepräsident unter Bush) beliefert wird und das fünffache des Marktpreises bezahlt. Oder wie das Bildungssystem nach Einkommen/Vermögen selektiert. Ein Semester an seiner Wald-und-Wiesen-Uni kostet den einen 10.000 Dollar Gebühren, dazu kommt dann noch die Lebenshaltung. Macht nach 8 Semestern etwa 80.000 Dollar Schulden. Für Minderheiten gibt es spezielle Förderprogramme der Regierung, die das ein wenig auffangen, weniger wohlhabende „weiße“ Amerikaner fallen gern mal durchs Netz. Die Eltern haben anfangs versucht das zu bezahlen und haben dafür ihre Versicherungen gekündigt (!), dann ist der Vater gestorben. Keine Versicherungen, weniger Einkommen… Er ist nach China ausgewandert und studiert jetzt hier, er verdient sich den Lebensunterhalt mit Englischunterricht. Ähnlich, nicht ganz so drastisch, geht es auch dem anderen. Beide verfluchen das neoliberale System. Welch Ironie, dass sie in die neoliberale Volkswirtschaft par Excellence geflüchtet sind. Das ist ihnen auch bewusst.
Die Mehrheit der Chinesen lebt in Armut. Die meisten Studenten hier, und die gehören schon eher zur privilegierten Schicht, leben mit 4-8 Leuten in einem Raum. Ein Bett im Achterzimmer kostet dann hundert Euro im Jahr, mehr können sie sich nicht leisten. Noch viel Schlimmer die Wanderarbeiter. Die kommen hierher und arbeiten für einen Stundenlohn von 10, 20, 30 Cent unter miserablen Bedingungen am Bau. Viele von ihnen übernachten auch auf der Baustelle oder im 16er Zimmer, um möglichst alles Geld in die Heimat zu schicken. Hin und wieder bricht dann mal eine Brücke zusammen und reißt 150 Bauarbeiter in den Tod, weil die zuständigen Parteikader das Geld für gutes Baumaterial in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben. Der korrupte Beamte wird dann hingerichtet und der Fall ist für die Regierung gegessen. Die Arbeiter sind zurecht in Rage, es gibt eine der regelmäßigen Revolten, hunderte Arbeiter verwüsten eine Provinzstadt, werden von der Polizei/Armee niedergeknüppelt und das Fernsehen zeigt davon nix. Danach Business (Kommunistischer Raubtierkapitalismus) as usual.
Das Fernsehen macht lieber Panik vor Uiguren und Schweinegrippe. Was für Amerika Al-Kaida ist für China der uigurische Weltkongress. Die Zustände in der uigurischen Provinz Xinjiang müssen immer noch kriegsähnlich sein. Nachts ziehen in Ürümqi Banden von bewaffneten Männern durch die Straßen und machen Jagd auf die jeweils andere Volksgruppe. Das Militär versucht das einzudämmen, trotzdem traut sich niemand mehr auf die Straße und die Provinz ist nach außen abgeriegelt. Zumindest Ausländer können dort nicht hin. Will ich aber der Beschreibung nach auch nicht unbedingt und es ist ja auch 2000 Kilometer dorthin.
Xi‘an selbst ist von alldem nicht betroffen, nomen est omen, heißt es doch auf deutsch übersetzt „Frieden des Westens“ (Xi= Westen, An= Frieden/Ruhe). Ich wohne hier außerdem im wohlhabenden Süden der Stadt, im Norden müssen die Leute sehr viel ärmer sein. Wie in Erfurt.
Nach diesen negativen Dinge möchte ich aber das Bild nun wieder ein bissel gerade rücken. Beispielsweise in der Minderheitenpolitik macht sich die Regierung nicht so schlecht wie es scheint. Es gibt Minderheitenquoten, die zu ähnlichen Problemen führen wie anderswo auch, siehe Amerika. Interessant ist auch die Regelung bei der berühmten Ein-Kind-Politik. In China darf ja jedes Paar nur ein Kind bekommen, was zu einem ordentlichen Männerüberschuss (durch Abtreibung von Mädchen, dafür gibt es sogar ein extra Wort auf Chinesisch) und zu einer Verzerrung der Altersstruktur der Bevölkerung führt. Das wird in einigen Jahren noch große Probleme machen. Von dieser Politik gibt es allerdings Ausnahmen: So kann ein Paar ein zweites Kind bekommen, wenn entweder die Mutter oder der Vater danach seinen Job endgültig aufgibt und damit einen Platz auf dem Arbeitsmarkt freimacht. In vielen Familien sucht dann die Mutter kurz vor der geplanten Schwangerschaft einen Job, denn sie danach wieder „endgültig“ aufgibt. Wenn das nicht klappt, gibt es glücklicherweise noch die Korruption. Deshalb gibt es hier viele Zwillinge mit 5 Jahren Altersunterschied. Das nenn ich mal eine lange Geburt. Um zurück zu den Minderheiten zu kommen, hier gibt es eine besondere Ausnahme: Die Ein-Kind-Politik gilt für die Minderheiten nicht. Uiguren, Tibeter, Mongolen oder Hui können so viele Kinder bekommen wie sie wollen. Das ist eine unkonventionelle Art des Minderheitenschutz und sorgt sicher für böses Blut. Es zeigt aber die andere Seite der Regierung, die eben keine imperialistische, tyrannische Diktatur ist, wie wir sie immer darstellen sondern irgendwas anderes. Was ist schwer zu sagen. Genauso schwer wie es ist, die chinesische Politik zu beurteilen. Das geht nicht ohne sich in die Menschen hier hineinzufühlen.
Ich versuche das mal anhand von einiger Dinge zu skizzieren. Das „China-Feeling“ (die schiere Größe!), Kultur und Geschichte und die Philosophie. Ich hab überall keine großartigen Kenntnisse aber für den Anfang reichts.
Die Geschichte Chinas reicht bekanntlich zurück bis über tausend Jahre vor Christus. Schon vor China als Nation besteht seit 221 v. Chr., mit wechselvollem Lauf. Die Schrift ist noch älter. Es gibt wenige Länder die so „alt“ sind. Zum Vergleich, das deutsche Reich entstand erst über tausend Jahre später und wurde erst 1871 tatsächlich zu einem Nationalstaat. Während dieser Geschichte war China meist wissenschaftlich, kulturell und wirtschaftlich eine der fortschrittlichsten Regionen der Erde. Beispielsweise sind die Chinesen schon 1421 mit Riesenflotten aufgebrochen um die Welt zu erkunden ( sie dachten vermutlich auch nicht, dass sie am Rand der Welt von der Welt runterfallen könnten ). Das war vor Magellan und Kolumbus und wurde damals alles dokumentiert und kartographiert. Nun kommen wir aber zum nächsten Punkt, was ich China-Feeling genannt habe. Wir lernen hier an der Uni „Xi‘an xiao, Beijing da“ (Xi‘an ist klein, Peking ist groß). Nun hat aber Xi‘an 7 Millionen Einwohner, mehr als Österreich oder Finnland. Ganz Österreich oder Finnland entsprechen hier nur einer kleinen Stadt unter vielen. Das gibt ein wenig das Gefühl wieder, wie klein der oder die Einzelne sich hier fühlt und wie riesig das Land erscheint. Das erklärt dann auch teilweise, warum der Rest der Welt hier oft unwichtig erscheint. Die darauf folgende Dynastie hat die Karten damals alle vernichtet, weil sie meinte, was außerhalb Chinas ist, ist ohne Belang. Ähnlich Ende des 18 Jahrhunderts. Da wollte die British East India Company, stellvertretend für das British Empire, einen Handelsvertrag mit dem Kaiser schließen. Der lehnte ab. Nach seiner Vorstellung waren auch die Briten seine Untertanen, der Kaiser von China schließt keine Verträge, er regiert. Die Engländer haben dann gezeigt, dass sie andersherum ähnlich denken und China wurde ein Jahrhundert lang Spielball fremder Mächte.
Wie dankbar waren dann die Menschen als sie nach dieser Demütigung durch Mao befreit wurden und langsam das Spiel der Mächte wieder mitbestimmten. Doch Mao befreite nicht nur China als Nation. China war bis vor 60 Jahren feudalistisch organisiert. Die überwältigende Mehrheit lebte in bitterer Armut, tyrannischen Grundbesitzern mit Leib und Leben ausgeliefert. Diese wiederum schwelgten in Reichtum und Privilegien. Die Bauern waren nur allzu gern bereit sich für Maos Volksarmee daraus befreien zu lassen. So ist die heutige Parteilinie allgemein akzeptiert, nämlich dass Maos gute Taten seine schlechten („Kulturrevolution“, „Großer Sprung nach vorn“ etc) bei weitem überwiegen und dass die Reformen, die Deng Xiaoping Ende der siebziger durchsetzte, nur durch Maos Vorarbeit möglich waren. Mao wird nicht mehr so gottgleich verehrt wie früher, aber er ist noch sehr präsent.
Die jungen Menschen scheren sich darum aber wenig. Sie träumen von Amerika. Sie schwärmen für Britney Spears und amerikanische Basketballprofis. Sie wollen leben wie in „Sex and the City“. Und vor allem so aussehen, wie sie sich Amerika vorstellen. Weiße Turnschuhe und Glitzer-T-Shirts. Mit haarsträubenden Chenglishen Schriftzügen. Beliebt ist alles was mit „Love“ und „Dream“ und „Sexy“ und „Music“ zu tun hat.
Sie interessieren sich tatsächlich auch wenig für Politik. Das ist verständlich, ist doch ihre Elterngeneration noch in Hungersnöten gestorben, während sie schon mit Handy in der einen und Milchtee (statt Latte machiato) in der anderen durch die Shoppingmall schlendern. Was es dort wunderbares zu kaufen gibt, zeigt die allgegenwärtige Werbung. Natürlich nur für die, die es sich finanziell und zeitlich leisten können. Denn der „American dream“ ist hier der „Chinese dream“. Arbeite hart, pass dich an und du wirst ein gutes Leben haben. Je mehr Arbeit, desto mehr Geld, desto mehr Glück. Eine Englischlehrerin hat mir von Jugendlichen mit grauen Haaren erzählt. Lernstress – dagegen ist G8 Entspannungskur. Was aber auch an den Methoden liegt, auswendig lernen und dann runterrattern. Da wird auch geübt nichts zu hinterfragen. Zur Beruhigung kommt überall aus den Lautsprechern eine auf aggressive Art friedliche Klaviermusik…
Ich wollte noch zu den chinesischen Weisheitslehren kommen. Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus unterscheiden sich stark von der westlichen, aristotelischen Philosophie.
Konfuzius lehrt menschliche Tugenden, übergeordnete Pflichten wie das Wohlwollen und die Pflicht des Gehorsams/Respekt gegenüber Autoritäten. Die einzige Beziehung unter gleichen ist die zwischen Freund und Freund. Das soll Ordnung und Stabilität durch die Herrschaft einer moralischen Elite leisten („Strebt der Herrscher aufrichtig nach Gutem, wird auch das Volk gut sein…“), denn die Elite soll sich natürlich an die Konfuzianischen Tugenden wie Wohlwollen und Rechtschaffenheit halten. In der Praxis wurde dann Gehorsam die oberste Tugend und das lässt sich natürlich prima missbrauchen.
Am Daoismus werden Rationalisten schnell verrückt. Es heißt dort beispielsweise „das Dao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das ewige Dao. Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der ewige Name.“ Der Daoismus ist eine Art Stoa, letztlich sieht die chinesische Volksseele darin die Lehre, sich den unausweichlichen Kräften der Natur zu überlassen.
Irgendwo zwischen Konfuzianismus und Daoismus wird dann noch der Mahayana-Buddhismus integriert, der unter anderem sagt, dass die Vervollkommnug des Individuums nur durch die Vervollkommnung der Allgemeinheit gelingt.
All das zusammen führt zu diesem Denken das auf Ganzheitlichkeit, Gemeinschaft und ähnliches ausgerichtet ist, im Gegensatz zum europäischen Individualismus. Das hat durchaus positive Seiten, es führt aber auch dazu, dass ein Einparteien-System eben anders bewertet wird als aus unseren Augen. Die Partei ist China und China ist die Partei. Und wenn wir die Partei kritisieren, kritisieren wir China als ganzes. Die uns so geläufigen demokratischen Schlammschlachten müssen auf die Menschen hier eher befremdlich wirken.
Sicherlich tun Propaganda/Zensur auch das ihrige, dass das so bleibt.
Wir haben vor kurzem ein wenig mit einem chinesischen Mädel diskutiert. Sie hat erzählt, wie nach dem Erdbeben von Sechuan alle Menschen zusammen gerückt sind, ähnlich wie in Deutschland nach der Elbeflut. Da wurde es als offene Aggression empfunden, dass zur gleichen Zeit der Dalai Lama in Frankreich empfangen wurde. Der sei nämlich böse. Er will China Tibet klauen, das schon seit tausenden von Jahren zu China gehöre. Schön die Parteilinie. Als ich erzählt habe, dass der Dalai Lama im Westen sehr populär ist, unter anderem für seine Friedfertigkeit, war sie überrascht. Der Dalai Lama friedfertig? Das hatte sie noch nicht gehört.
Es ist auf jeden Fall echt faszinierend hier ein paar Einblicke zu bekommen und das werden bestimmt noch mehr. Fürs erste reicht das aber mal, war ja schon einiges Geschwafel ;)
Ich hoffe das Internet wird auf deutsch nicht gefiltert, einem Mädel aus Erfurt, die letztes Jahr in Hongkong war, wurden angeblich die Bilder im Blog geschwärzt… naja, sind ja keine Bilder.

Viele Grüße nach Deutschland und in die Welt,
Euer Christian

Esel und Affen

Hallo ihr alle,

hier kommt nun ein richtiger Blogeintrag über Menschen und Essen und Politik. Und natürlich auch mit Neuigkeiten vom Shaanxi Chaoren. Weil das wahrscheinlich alle am meisten interessiert werde ich mit diesem Burschen auch anfangen. Der Shaanxi Chaoren kann China doch verlassen! Woher ich das weiß? Nun, er ist in meine Heimat, s,Ländle gegangen und hat seinen Landsleuten von dort einen großen Schatz mitgebracht. Und damit es niemand auffällt hat er dieses Wunderding verkleinert und ihm einen neuen Namen gegeben, „Jiaozi“. Doch er hat seine Rechnung ohne mich gemacht. Mir sind diese herrlich duftenden Teigtaschen in Fleischbrühe sofort aufgefallen. Ich hab sie ausprobiert und tatsächlich: Es gibt Maultaschen in Xi‘an! Die sind a bissle kleiner und schmecken natürlich net so gut wie die von Oma, aber immerhin.
Auch sonst haben die Chinesen nichts gegen Produktpiraterie. Andersherum, Originale bekommt man hier nur in einigen ausgewählten Geschäften in der Innenstadt. Giovan, ein Brasilianer, hat mir erzählt dort gibt es sogar ein deutsches Restaurant. Ansonsten muss mensch sich aber mit „Abcdas“ (Adidas) und „Jiaozi“ begnügen. Einkaufen ist in den normalen Chinesischen Geschäften sehr lustig. Als ich letztens Schuhe kaufen wollte, gab es, wie schon erwähnt nur Schuhgröße 44. Die Verkäuferin ist dann mit jedem Paar das ich ausprobiert habe und zu klein war in den Nachbarladen gerannt, hat ein Paar in der Größe 43 gebracht und behauptet, das sei größer. Ich hab diesen ausgebufften Verkaufstrick aber durchschaut. Wer ein Handy kaufen will kann das auch überall tun. Die Leute im Laden bieten, sofern sie sonst keins haben, einfach ihr eigenes an. Einkaufen an sich gehört hier im kommunistischen China zu den wichtigsten Dingen. Am 1. Oktober ist hier Nationalfeiertag, dieses Jahr ein Jubiläum, 60 Jahre Volksrepublik China. Unsere Lehrerin Han Cha Cha hat uns jedoch davon abgeraten nach Xi‘an reinzugehen. Coole Propagandaparaden gibt es eigentlich nur in Beijing, die kann man dann im Fernsehen angucken. Was die Leute viel mehr bewegt ist, dass es an diesem Tag überall Nationalfeiertagssonderangebote gibt. Deshalb ist die Stadt verstopft mit Schnäppchenjägern, der Feiertag ein Konsum- und Kaufrausch. Da zu dieser Zeit eine Woche Schulferien sind, werde ich mit Lisa, einer Australierin, Susi und Kyle in die Provinz Hunan fahren. Lisa ist seit 2 Jahren mit einem Chinesen verheiratet und wir besuchen dort seine Familie. Sie hat uns gesagt wir sollen uns auf die Verkehrsunfälle gefasst machen. Nicht dass der Straßenverkehr nicht sehr chaotisch wäre, es ist aber nicht deswegen. Lisa meinte, sie sei die einzige Nichtchinesin, die sich in den letzten 2 Jahren dort aufgehalten hat (vielleicht überhaupt?). Sie allein hat dort schon Tumulte ausgelöst, wenn wir dann zu viert mit blonden Haaren etc anrücken, könnte das total aus dem Ruder laufen… ich bin gespannt! Ich werde dann auch meinen Geburtstag in einer chinesischen Familie feiern…
Vielleicht sollte ich allgemein noch etwas zu den Leuten sagen, die man hier so trifft. Einen Haufen Chinesen gibt es hier. Überall. Da muss irgendwo ein Nest sein. Außer den Chinesen tummeln sich rund um Uni auch einige Nicht-Chinesen. Die größte Gruppe sind die Kasachen. Es ist dort per Gesetz vorgeschrieben, dass jeder Student chinesisch lernen muss. Viele von ihnen sind also eher unfreiwillig hier und das merkt man auch an der Arbeitsmoral. Die schlimmsten sind mittlerweile, wie ich gehört habe, in eigenen kasachischen Katastrophenklassen. Außerdem sind viele das erste Mal von zu Hause weg und lassen entsprechend die Sau raus. Sie habens damit schon geschafft aus meinem Studentenwohnheim und einigen Clubs in der Stadt verbannt zu werden. Wilde Jungs und Mädels sind das. Die zweite große Gruppe kommt aus Korea, Japan und Hongkong (kantonesischsprachig). Da sind einige lustige Leute dabei, die aber leider halt kein Englisch sprechen. Eine gute Übung für mein Chinesisch. Die letzte Gruppe schließlich bilden die Nicht-Asiaten, hauptsächlich aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Australien, Brasilien, USA und Ghana. Viele von denen leben schon länger hier und unterrichten Englisch. Einzige Voraussetzung dafür ist ein bissl europäisch/afrikanisch/amerikanisch auszusehen. Dann bekommt man mit Handkuss einen Job, 10 Dollar Stundenlohn und gehört damit zu den Topverdienern hier. Hinzu kommen die ganzen „Geschenke“ der Eltern der Schüler, die hier wohl so normal sind, dass man sie kaum ablehnen kann.
Auf jeden Fall gibt das mit den ganzen Leuten ein lustiges Mischmasch aus Sprachen, oft werden in der Runde vier oder fünf verschiedene Sprachen gesprochen. Nur mit den Namen ist das oft ein Problem. Die Leute in meiner Klasse heißen zum Beispiel „Hai Lao zi chuan an“ oder „Shan Ben jing zi“ Andersherum können die Asiaten aber auch keine europäischen Namen aussprechen. „James“ wird dann zu „Ja mu zi“ und „Matthieu“ zu „Ma Xiu“. „Christian“ heißt auf chinesisch „Ke ri zi ti an“ Es geht schon multikulturell zu hier und das macht großen Spaß.
So auch das Essen. Typischerweise sind die chineischen Gerichte nicht wie in Deutschland ein Haufen Gemüse und Fleisch gemischt, sondern alles für sich. Also einmal nur Bohnen, einmal Auberginen, einmal Fleisch, einmal Salat, alles wahlweise warm oder kalt, verschiedenste Nudeln, Reis, Teigtaschen etc, vorzugsweise alles mit viel Chili und Öl. Die Leute bestellen dann zusammen worauf sie Lust haben, das wird in die Mitte gestellt, alle bekommen ein Schälchen Reis und dann geht das Gemetzel mit den Stäbchen los. Lecker! Außerdem gibt es immer kostenlos Tee zum Trinken, mit Ausnahme der koreanischen Restaurants, dort gibt es statt Tee Fischsuppe. Auch mal ne Idee.
Letztens waren Kyle (Amerika) und Matthieu(Frankreich) und ich eine Wohnung angucken, in die ich auch fast eingezogen wäre. Ich hab dann aber rausgefunden dass irgendjemand hier an der Uni für mein Wohnheimzimmer ein ganzes Semester im Voraus gezahlt hat. Das läuft wohl über mein Austauschprogramm, allerdings muss ich, da mein Mitbewohner Andras nun statt mir in die Wohnung gezogen ist, seinen Part des Zimmers zahlen. Trotzdem cool. Nach der Wohnungsbesichtigung jedenfalls sind wir mit dem Vermieter in Spe und einer Übersetzerin essen gegangen, „Chinese Specialities“. Hört sich fein an, sollte aber mit Vorsicht genossen werden. Da gab es lecker „Donkey“, Esel. Ich allerdings hatte „Monkey“ verstanden, also Affe, und dachte ich werde hier zum halben Kannibalen. Da die anderen so mutig waren, hab ich das Esel/Affe Sandwich und die Esel/Affe Suppe auch gegessen. Es hat erstaunlicherweise nach Rind geschmeckt, die zweite Runde Sandwich musste ich aber trotzdem passen. Als ich später über meinen Irrtum aufgeklärt wurde, war ich doch sehr erleichtert. Aber es hätte auch Hund sein können.
So wie heute.
Da war ich mit zwei lustigen Brasilianern essen, die mir bierernst erklärten, was ich da auf dem Teller hätte, sei Hund. Da ich nach Bildern raussuche, weil ich die Zeichen (noch) nicht alle kann, musste ich erstmal kräftig schlucken (nicht das Fleisch). Erst als sie sich dann gestritten haben, ob es deutscher Schäferhund oder Pudel sein soll, hab ich mein Rindfleisch glückselig verspeist. Da aber hier in der Nähe eine Hundeschlachterei ist, werde ich in Zukunft vorsichtig sein.
Ich wollte jetzt eigentlich noch was zur Politik sagen, aber das wird so viel, da mach einen extra Eintrag, nur dazu. Mit tiefsinnigen Erkenntnissen. Ich muss jetzt nämlich essen gehen. Keinen Hund und keinen Esel. Vielleicht Maultaschen. Mit Essig. Der steht hier auch auf jedem Tisch. Ich lass mich überraschen…
bis dahin viele Grüße,

Christian

Die Geschichte des Shaanxi Chaoren

Hallo ihr Lieben!

Heute möchte ich euch die Geschichte vom Shaanxi Chaoren („Shaanxi Superman“ von chao=super und ren=Mensch/Person) erzählen. Ich war vorhin mit Ali einem Schotten, Joe aus Ghana und Avi und Patrick aus Amerika slacklinern im Park. Danach sind wir noch essen gegangen. Wir sind in eine kleine unscheinbare Suppenküche gegangen, von der Straße aus kaum als solche zu erkennen. Auch drinnen schien sie nichts besonderes, die gewöhnlichen Campingstühle, Neonlicht, ein Behälter mit Essstäbchen auf den Tischen, Geruch nach Tee, kaltem Fett und chinesischer Straße. Trotzdem war mein Blick sofort gebannt. Er klebte an einem Stück vergilbten Pergament, das an der Wand hing. Auf diesem Pergament sah ich ein chinesisches Schriftzeichen wie ich noch keines zuvor gesehen hatte. Gewöhnliche chinesische Zeichen bestehen ungefähr aus 3-15 Strichen, wobei für jede Silbe im Wort ein Zeichen steht. Dieses allerdings war ein einziges, kunstvolles Zeichen aus wohl hundert Strichen. Es ist in keinem Wörterbuch zu finden (tatsächlich nicht!) und das hat natürlich sofort meine Neugier geweckt. Die Jungs wohnen schon länger hier und sie erklärten mir, das sei Biangbiangmian, ein Nudelgericht das es nur in der Provinz Shaanxi gebe. Ich wollte es selbstverständlich ausprobieren und so setzten wir uns und bestellten für jeden eins. An ihren verstohlenen Blicken sah ich, dass wohl mehr hinter Biangbiangmian stecken musste als Nudeln und Gemüse und ich fragte sie, was es damit auf sich hat. Zuerst zögerten sie, doch schließlich hatte ich sie soweit und sie erzählten mir die Geschichte des Shaanxi Chaoren.

Vor langer Zeit, ungefähr vor 3000 Jahren, gelangte ein Stamm namens Zhou an die Macht im damaligen China. Kaum jemand hatte je zuvor von ihnen gehört doch schon bald wurden sie die Söhne des Himmels genannt. Sie schienen magische Kräfte zu besitzen und lebten im Einklang mit der Natur und den Menschen. Der Legende nach hatte der Himmel diese starken und weisen Wesen geschickt und ihnen die Autorität zur Herrschaft verliehen. Die Zhou gründeten ihre Hauptstadt nahe dem heutigen Xi‘an in der Provinz Shaanxi. Doch sie wollten nicht von oben herab herrschen und teilten ihre Macht. Ihre Vasallen wurden nach und nach stärker und aus Machtgier vertrieben sie diese friedliebenden Wesen schließlich vollends. Dies war der Beginn der Zeit der streitenden Reiche. Es folgten 300 Jahre Krieg, bis schließlich nur noch sieben Reiche übrig waren, die zusammen das Reich der Mitte (Zhongguo = China) bildeten. Doch auch diese Reiche führten weiter Krieg um die Herrschaft in China. Weitere 200 Jahre Krieg waren die Folge.
Viele sahen diese lange Zeit des Krieges als Strafe dafür, dass die friedliebenden Söhne des Himmels vertrieben wurden. Es hieß, sie hätten sich in ein unzugängliches Tal in den Bergen Shaanxis zurückgezogen. Dort würden sie im Einklang mit der Natur und den magischen Tieren des Tierkreisjahres leben und eines Tages würden sie zurückkehren und wieder für Harmonie und Frieden unter den Geschöpfen des Himmels sorgen. Dann würden die Unterdrückten und Entrechteten ihren gerechten Platz unter der Sonne finden und ihre selbstherrlichen Unterdrücker müssten sich beugen.
221 v. Chr. unterwarfen die Armeen der Qin schließlich die anderen Reiche und Qin Shi Huang wurde der erste Kaiser Chinas. Viele hofften, dies sei die Erfüllung der Prophezeiung und auch deshalb suchte Qin Shi Huang zeitlebens nach einem Weg zur Unsterblichkeit. Doch er war ein brutaler Tyrann und die letzten Zweifel verstummten als er wenige Jahre später starb und sich mit seiner riesigen Armee aus Tonsoldaten in der nähe von Xi‘an begraben ließ. Wieder kam es zu Revolten und die Geschichte Chinas blieb ein auf und ab bis zum heutigen Tage.
Doch nur bis zum heutigen Tage. Und damit komme ich zurück zu Biangbiangmian und dem Shaanxi Chaoren. Viele in China glauben, die Prophezeiung scheint sich nun zu erfüllen. Vor geraumer Zeit tauchte in Xi‘an das seit der Zeit der streitenden Reiche verschollene Zeichen des Biangbiangmian wieder auf. Der Legende nach zeigte dieses Zeichen den Gerechten den Weg zum Tal der Söhne des Himmels. Doch keiner konnte es damals entziffern und so geriet es in Vergessenheit. Und nun war es wieder da! Dieses Pergament, das da in der Suppenküche an der Wand hing, brachte der Shaanxi Chaoren mit nach Xi‘an, um nach erfolgreicher Mission seinen Weg zurückzufinden. Der Shaanxi Chaoren ist einer der Söhne des Himmels der aus dem Tal zu den Menschen, nach Xi‘an, zurückgekehrt ist! Manche behaupten er und der Beijing Tankman seien ein und dieselbe Person. Und viele sagen der Shaanxi Chaoren sei nur gekommen, weil das Wasser in dem versteckten Tal durch die ganze Umweltverschmutzung schwarz wurde und er hätte die Finanzkrise herbeigeführt um das Wirtschaftswachstum auf der Welt zu stoppen und die Natur zu retten. Es heißt außerdem, der Shaanxi Chaoren muss Baozi essen, eine Art Teigtasche, die es hier an jeder Ecke gibt, um seine Superheldenkräfte zu entfalten und kann Xi‘an und China deshalb nicht verlassen. Was daran wahr ist oder falsch kann ich schwer überprüfen. Auf jeden Fall hat Ali, der Schotte, ihn schon gesehen. Zumindest „glimpses“ von ihm.
Ich weiß aber nun, dass ich in Xi‘an sicher vor der Vogelgrippe bin, denn der Shaanxi Chaoren würde sie in seiner Stadt sicherlich nicht zulassen.
Soviel also dazu.
Ansonsten… leider habe ich hier lange nix mehr geschrieben, das liegt daran, dass tatsächlich einiges los ist. Vor allem die Schule fordert täglich Einsatz, morgens vier Stunden Chinesisch Unterricht, aufgeteilt in die Fächer Lesen, Schreiben, Sprechen, Hören und Aussprache. Am Nachmittag kommt dann fast noch einmal soviel Hausarbeit um am Ball zu bleiben. Da aber hier ein Haufen ChinesenInnen sind mit denen ich mich gern unterhalten möchte und außerdem auch zwischen WestlerInnen und JapanerInnen/ KoreanerInnen/ KasachenInnen chinesisch gesprochen wird gibt es ordentlich Motivation.
Ich werde die nächste Tage auch noch ein paar Alltagsdinge und politische Erkenntnisse erzählen… da gibt es einiges lustiges und interessantes nur musste ich die Geschichte zum Biangbiangmian zuerst loswerden bevor ich sie wieder vergesse. Sie ist also nur Überbrückung zum nächsten
richtigen Eintrag. Bis dahin wünsch ich euch allen aber erstmal

wan‘an (Gute Nacht)
Christian

P.S.: Die Geschichte vom Shaanxi Chaoren ist leider net gegendert, weil die „Söhne des Himmels“ halt so hießen. Und die Geschichte stammt ja auch nicht von mir. Übrigens sind alle Daten historisch belegt. Nur die Prophezeiung über die Söhne des Himmels nicht. Die hießen tatsächlich so. Nur haben sie sich selbst so genannt weil sie Eroberer waren und sich damit legitimierten, dass der Himmel sie geschickt hätte. Und die Macht haben sie geteilt weil das die einzige Möglichkeit war, die Stammesfürsten ruhig zu halten.

PPS: Biangbiangmian schmeckt übrigens lecker. Suppe mit breiten weißen Nudeln und diversem Gemüse. Und „Mian“ heißt übrigens „Nudeln“